Das Steinerne Haus in Ziegenhain
Wähle die Sprache des Videos aus:
Beschreibung
Das Steinerne Haus in Ziegenhain ist nicht einfach nur ein altes Gebäude, sondern ein Ort, an dem sich die Geschichte der Stadt über viele Jahrhunderte hinweg nahezu schichtweise ablesen lässt. Seine fassbare Überlieferung beginnt 1363, als Werner II. von Falkenberg als Erbburgmann in Ziegenhain angenommen wurde und hier einen Burgsitz erhielt. Ob damals bereits eine steinerne Kemenate bestand oder ob er selbst den Bau errichten ließ, ist nicht vollständig geklärt. Sicher ist aber: Hier liegen die Wurzeln eines Hauses, das zu den ältesten profanen Geschichtszeugnissen Ziegenhains gehört.
Spätestens mit dem Ende der Falkenberger Linie fiel das Lehen wieder an die Grafen von Ziegenhain zurück und kam 1450 mit der Grafschaft an Hessen. Im 16. Jahrhundert wurde das Steinerne Haus eng mit der Entstehung der Wasserfestung Ziegenhain verbunden. Zunächst wohnte hier Johann Fischer genannt Walter, der als Rentmeister die Gelder beim Ausbau der Festung verwaltete.
1543 übergab Landgraf Philipp das Lehen an Heinz von Lüder, den ersten Hauptmann und Kommandanten der Festung. Heinz von Lüder bewohnte das Haus 16 Jahre lang bis zu seinem Tod. Gerade dieser Abschnitt macht das Steinerne Haus zu mehr als einem Wohnsitz: Es war ein Haus der Festungsleitung, ein Ort von Verantwortung und Verwaltung. Die Überlieferung berichtet sogar, dass das Gebäude damals nicht nur über eine Wasserleitung, sondern auch über ein Brauhaus verfügte. Nach Lüders Tod wohnte zunächst der Rentmeister Eckhard Feige hier; sein Grabstein ist bis heute am Haus zu sehen.
Auch danach blieb das Steinerne Haus in den Händen bedeutender Amtsträger und Adelsfamilien. Über Johann Meckbach führte die Besitzgeschichte weiter zu späteren Belehnungen, auch wenn sich nicht jeder Übergang lückenlos nachzeichnen lässt. Sicher greifbar wird die Überlieferung wieder mit den Schnetzel genannt Preuß, deren Söhne 1599 mit Burgsitz und Burggut belehnt wurden.
Den entscheidenden Einschnitt für das heutige Erscheinungsbild brachte dann Jakob von Hoff, seit 1653 Kommandant der Festung. Er erwarb das Haus und ließ es von 1659 bis 1661 unter Nutzung älterer Grundmauern zu der markanten Dreiflügelanlage mit Treppenturm umbauen, die den Charakter des Hauses bis heute bestimmt. Später wohnte hier auch Karl von Hattenbach, Gouverneur der Festung, ehe das Gebäude durch Erbschaft an die von Schwertzell gelangte und schließlich im 19. Jahrhundert an neue Besitzer überging.
Seine heutige architektonische Wirkung verdankt das Steinerne Haus nicht nur dem Umbau des 17. Jahrhunderts, sondern auch der großen Sanierung von 1910/11. Nachdem es im 19. Jahrhundert zeitweise als Landratsamt gedient hatte und später als Mehrfamilienhaus genutzt wurde, war sein Zustand so schlecht geworden, dass sogar ein Abbruch erwogen wurde. Erst die umfassende Erneuerung unter dem neuen Eigentümer Adolf Winkelstern rettete das Haus.
Aus dieser Phase stammen unter anderem der polygonale Standerker mit Wappenportal, die Arkaden im Hofbereich und die verglaste Loggia. Bis heute zeigt sich das Steinerne Haus als eindrucksvolle Verbindung aus massivem Sandsteinmauerwerk, schwerem Fachwerk, Walmdach und dem charakteristischen Hof mit Treppenturm.
Mit dem Erwerb durch den Kreis Ziegenhain im Jahr 1938 begann die neuere kulturelle Geschichte des Hauses. Seitdem ist es eng mit dem Museum der Schwalm verbunden. Nach der Wiedereröffnung 1949 wurde das Steinerne Haus endgültig zu einem zentralen Erinnerungsort der Region. Hier werden die Geschichte der Schwalm, bäuerliche Kultur, Weißstickerei, Vor- und Frühgeschichte sowie die Geschichte der Wasserfestung bewahrt und vermittelt.
Hinzu kommt seine Bedeutung als Ort der Kunst: Das Kunstkabinett mit Werken regionaler Malerei, besonders aus dem Umfeld der Willingshäuser Malerkolonie, gehört ebenso zu diesem Haus wie der Name Vincent Burek, der als Gründer und Leiter des Kunstkabinetts eng mit diesem kulturellen Kapitel verbunden ist. So spannt das Steinerne Haus bis heute einen außergewöhnlich weiten Bogen — vom mittelalterlichen Burgmannensitz über die Zeit der Festungskommandanten und der Verwaltung bis hin zu Museum, Kunst und lebendiger regionaler Erinnerungskultur.
Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Geschichte erzählt“ von Gerhard Reidt. Das Projekt macht historische Orte, Personen und Ereignisse in Ziegenhain und der Region in erzählerischer Form neu zugänglich. Besucher sollen Geschichte dort entdecken können, wo sie sich ereignet hat: anschaulich, verständlich und unmittelbar am historischen Ort. www.geschichte-erzaehlt.de
